Künstliche Intelligenz (KI) hat in den letzten Jahren enormen Aufschwung erlebt. Auch im Finanzsektor haben verschiedene innovative Technologieunternehmen spannende KI-basierte Software entwickelt. In den letzten zwei Monaten hat nun der Chatbot ChatGPT alle Rekorde gebrochen und ist mit aktuell 100 Millionen Nutzern die am schnellsten wachsende Applikation aller Zeiten. Ist dies nun der endgültige Startschuss für Vermögensverwaltung mit intelligenten Computern?
Dieser Blogpost fokussiert auf unabhängige Vermögensverwalter (IAM) in der Schweiz. Im Folgenden werfen wir einen Blick auf die aktuelle Situation dieser Anlageexperten, mit anschliessender Betrachtung möglicher Einsatzgebiete von künstlicher Intelligenz. Wir beurteilen auch, wie wahrscheinlich hier der Vormarsch des künstlichen Hirns ist und welchen Einfluss ChatGPT auf diese Entwicklung haben wird.
Ausgangslage des IAM-Geschäfts in der Schweiz
Historisch betrachtet waren unabhängige Vermögensverwalter in der Regel keine IT-Cracks. Deren Kernkompetenz ist das individuelle Eingehen auf die Bedürfnisse von vermögenden Privatkunden. Entsprechend hielt sich hier die Geschwindigkeit der durch Technologie getriebenen Innovation während den vergangenen Dekaden in Grenzen. Das Jahr 2022 war geprägt durch die spätestens am Jahresende geforderte FINMA-Lizenz. Es blieb entsprechend wenig Zeit für Innovation. Dieser Prozess ist nun weitestgehend abgeschlossen. Höhere Kosten und Margendruck werden das Vermögensverwaltungsgeschäft auch in Zukunft stark beeinflussen. Der Zeitpunkt für einen KI-getriebenen Aufbruch wäre also ideal. Weiter ist es so, dass unabhängige Vermögensverwalter wesentlich kürzere Entscheidungswege haben und deshalb für eine Zusammenarbeit mit dynamischen Fintech-Startups mit bahnbrechenden KI-Lösungen prädestiniert sind. Wie könnte ein solcher Aufbruch konkret aussehen?
Kundenreporting
Das regelmässige Kundenreporting ist ein Herzstück der Vermögensverwaltung. Es werden Positionen aufgelistet und erklärt. Anlageentscheidungen werden begründet und Ausblicke werden kommuniziert. Das Zusammensuchen dieser Informationen und das auf die persönlichen Bedürfnisse des Kunden ausgerichtete Formulieren dieser Entscheidungen und Ausblicke ist aufwendig. Künstliche Intelligenz kann nun basierend auf Kundendaten, IAM-interner Information und externen Marktdaten ein solches Reporting erstellen. Die KI implementiert dies wesentlich schneller und günstiger und kann sich potenziell noch besser auf die Kundenbedürfnisse ausrichten. Solche durch Fintech-Startups entwickelten Lösungen existieren bereits und sind auch schon im Einsatz. Das manuelle Erstellen bzw. Ergänzen von Reportings ist typischerweise nicht eine Tätigkeit, um die sich ein Vermögensverwalter reisst. Entsprechend dürfte sich hier der Einsatz von KI-getriebenen Reportinglösungen in naher Zukunft stark beschleunigen.
Portfolio Construction
Dies ist wohl das zentralste Element im Anlagegeschäft. Basierend auf Kundenbedürfnissen, Risikoprofilen und Markterwartungen wird die Gewichtung der Asset Allocation und das Stockpicking durchgeführt. Auch die Risikooptimierung ist ein wichtiges Element. Dies ist ein sehr stark datengetriebener Prozess. Die Datenmenge ist umfangreich und schnelle Entscheidungen sind oft erforderlich. Zudem erhöht sich die Datenmenge aufgrund von zu berücksichtigenden ESG-Kriterien und der regulatorisch erforderlichen Überprüfung der Risikoentwicklung der Kundenportfolios kontinuierlich. Es wird niemand widersprechen, dass ein intelligenter Computer schlicht und ergreifend viel mehr Daten in viel kürzerer Zeit berücksichtigen kann. Ob Künstliche Intelligenz eine bessere risikoadjustierte Anlageperformance erzielen kann, darüber sind sich die Experten uneinig. Sicher ist aber, dass KI den gesamten Anlageprozess wesentlich effizienter abbilden kann. Obwohl der Einsatz von künstlicher Intelligenz hier naheliegend ist, dürfte der grosse Durchbruch noch auf sich warten lassen. Dies liegt schlicht und ergreifend daran, dass jeder Vermögensverwalter seine Anlageentscheidungen gerne selbst trifft. Im Vergleich zum Erstellen eines Kundenreports ist dies eine sehr spannende Tätigkeit.
Chatbot für Kundenkommunikation
Der Einsatz von Chatbots ist bei Call Centern schon seit mehreren Jahren im Vormarsch. Oft war jedoch die Qualität enttäuschend. Hier dürfte sich einiges verbessern und der Einsatz dieser digitalen Assistenten dürfte sich in diesem Bereich stark erhöhen. Obwohl ChatGPT zeigt, dass ein Bot auch im Anlagegeschäft hilfreiche und sinnvolle Antworten geben kann, dürfte sich deren Einsatz bei unabhängigen Vermögensverwaltern stark im Rahmen halten. In Nischenbereichen werden wir jedoch auch in der Vermögensverwaltung vermehrt Chatbots sehen, so verwendet z.B. ein digitaler Schweizer Vermögensverwalter schon seit längerem einen solchen digitalen Assistenten.
ChatGPT als Katalysator
Nicht zu unterschätzen im Vermögensverwaltungsgeschäft ist ChatGPT als Beschleuniger der KI-Entwicklung. Der Mensch ist sehr stark ein Gewohnheitstier. Die Adaption an neue Innovationen wird dadurch getrieben bzw. verlangsamt und nicht durch Logik. Als Beispiel sei hier die Self-Checkout-Möglichkeit bei grossen Lebensmittelgeschäften genannt. Hier hat die Adaption Jahre gedauert. In der Anfangsphase sind die Leute lieber Schlange gestanden an der Kasse, statt die leerstehenden Self-Checkout-Geräte zu verwenden. Künstliche Intelligenz war für den Normalsterblichen bisher eher etwas Abstraktes. Nun kann mit ChatGPT jedermann zum ersten Mal mit KI arbeiten und Erfahrung sammeln. Dies wird unser Verhalten und unsere Wahrnehmung grundlegend ändern und auch in der Vermögensverwaltung das Kundenverhalten stark beeinflussen.
Zur Info:
Anlässlich des Sphere Events „Digital Solutions – Fokus EAM“, wird der Autor am 7. März 2023 ein Panel leiten mit dem Thema „Welche Rolle spielt KI in der Vermögensverwaltung“ mit Adriano Lucatelli, CEO, Descartes Finance AG, Thomas Tietz, CEO, Corum Vermögensverwaltung AG, Alexandra Janssen, CEO, ECOFIN Portfolio Solutions
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